Gesundheit!

Erinnerst ihr euch an die Diskussion, die vor ein paar Jahren stattfand, bezüglich der Antwort auf einen Nieser? Es war doch tatsächlich die Meinung vertreten, der Niesende müsse sich entschuldigen. Ich persönlich finde es weiterhin richtig, auf einen Nieser mit „Gesundheit!“ zu antworten. Dieser nette Beitrag aus Der Bazar 1857 gibt über die Ursprünge dieses Brauches Aufschluss:

Die Begrüßungsmode beim Niesen

Von G. A. Ritter

Der Gebrauch, Jemandem Glück zu wünschen, wenn er niest, ist so alt, daß schon zu Alexanders des Großen Zeit der gelehrte Aristoteles seinen Ursprung nicht mehr angeben konnte. Er glaubte den ersten Grund dazu in der religiösen Verehrung des Kopfes, als des vornehmsten Theiles des menschlichen Körpers, zu finden, wo sich zuletzt die Ehrfurcht bis auf eine der Hauptwirkungen des Gehirns, auf das Niesen , ausgedehnt habe.

Die Sage berichtet hierüber anders. Darnach heißt es: Prometheus fing, als er den ersten Menschen schuf, einige Sonnenstrahlen in einer gläsernen Flasche und hielt sie dem leblosen Gebilde unter die Nase. Die Strahlen drangen sogleich durch alle Fibern des Gehirns, verbreiteten sich durch alle Nerven und Adern des Körpers, und das erste Lebenszeichen des neuen Menschen war, daß er nieste. Voller Freude über den guten Erfolg rief ihm Prometheus seinen Glückwunsch zu, und dies machte auf den ersten Menschen einen so lebhaften und tiefen Eindruck, daß zum Gedächtnis dieser freudigen Begebenheit sich die Gewohnheit, beim Niesen Glück zu wünschen, auf alle seine Nachkommen fortpflanzte.

Die Rabbinen haben noch eine andere Ueberlieferung. Nach dieser gab Gott gleich nach der Schöpfung das allgemeine Gesetz, daß der Mensch nur einmal in seinem Leben niesen, und in demselben Augenblicke ohne weitere Krankheit des Todes sein sollte. Es blieb dies auch die einzige bekannte Rodesart bis auf Jakobs Zeiten. Allein dieser fromme Patriarch, der nicht so schnell und unvorbereitet die Welt zu verlassen wünschte, demüthigte sich vor Gott und bat, ihn mit jener Todesart zu verschonen. Gott erhörte sein Gebet, er nieste und starb nicht. – Nothwendig mußte eine solche Abweichung von dem zeitherigen Gesetz eine allgemeine Verwunderung hervorbringen, so oft Jemand nieste, ihm zurief: „Wohl bekomme es!“ Das gebräuchliche Kompliment der alten Griechen war: „Lebe!“ oder „Jupiter hilft!“ bei den Römern war es: „Salve!“ Sie beobachteten es nicht blos gegen Andere, sondern auch gegen sich selbst, wenn sie allein waren. In einem Epigramm heißt es von einem gewissen Proclus, daß derselbe eine ungeheuer große Nase gehabt habe. Ihre Spitze hätte so fern von seinen Ohren gelegen, daß er nicht einmal gehört habe, wenn sie geniest, um das „Jupiter hilf!“ zu sich sagen zu können.

Die Quäker sind die einzigen unter allen bekannten Bewohnern der Erde, welche diese Gewohnheit nicht befolgen. Sonst findet man diese Höflichkeitsbezeugung in allen Welttheilen, im äußersten Asien, wie in Amerika. Wenn der König von Monomotapo niest, wird solches sogleich in der ganzen Stadt durch gewise Zeichen, oder Gebetsformeln, die laut vorgelesen werden, bekannt gemacht und überall erschallen die freudigen Ausrufungen der Einwohner. Wenn dagegen der Kazike von Gnachoja nieste, sagt der Geschichtsschreiber der spanischen Eroberung von Florida, neigten sich die Indianer vor ihm, streckten ihre Hände aus und baten die Sonne, ihren Fürsten zu beschützen, ihn zu erleuchten und jederzeit mit ihm zu sein.

Bald mischten sich Aberglaube und Vorurtheil über das Niesen mit ein und man schrieb ihm gewisse Deutungen und Ahnungen zu. Wer z. B. des Morgens beim Aufstehen nieste, mußte sich den Tag über wohl in Acht nehmen. In den Stunden von Mittag bis Mitternacht war es gut und Glück verkündend, in den übrigen aber zu niesen, Unglück prophezeihend. Noch jetzt ist es allgemein gäng und gebe: eine Sache beniesen, heißt so viel, als ihre Wahrheit bekräftigen.

Einer Dame zu sagen, „daß die Liebesgötter bei ihrer Geburt genießt hätten“, war eine feine Schmeichelei bei den griechischen und römischen Dichtern. – Als Penelope ihren dringenden Freiern den Korb gab, und die Götter um Ulysses baldige Rückkehr bat, nieste Telemach so heftig, daß das ganze Gemach davon erschüttert wurde, und Penelope und ihre Diener die Erfüllung ihrer Wünsche nicht mehr fern glaubten.

Bei einer Anrede, die Xenophon an seine Armee hielt, nieste ein Soldat in dem Augenblicke, als er sei zur Fassung eines gefährlichen Entschlusses aufforderte. Das ganze Heer hielt dies für ein von den Göttern gegebenes Zeichen, und Xenophon brachte Dankopfer.

Noch jetzt pflegt der gemeine Mann „eine Sache beniesen“ für eine gute Vordeutung zu halten.

In unserer nüchternen Zeit gilt es freilich nicht mehr als feine Sitte, den Niesenden zu beglückwünschen. Wenn man jedoch bedenkt, daß das Niesen meistens ein Zeichen kräftiger Gesundheit ist, und daß dasselbe sogar in mancher schweren Krankheit als eine glückliche Krisis angesehen wird, so sollte man nicht so leich jene uralte Sitte bei Seite werfen, wie es bereits geschehen ist.

 

Bild: Schnupfende Damen, satirisches Gemälde, 1824

Regina Gschladt

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