Brautkleid-Schnitt aus dem Jahr 1900

Es ist schon etwas besonderes, den Schnitt für ein Brautkleid zu finden. Auch dieser ist zwar nicht vollständig gegeben, liefert aber eine genaue Anleitung, welche Materialien verwendet werden sollen und wie die Verzierungen aussehen sollen. Besonders interessant sind hierbei die zwei Myrtenzweige, die auf dem Oberteil befestigt sind. Myrte galt zur damaligen Zeit als Keuschheits- und Reinheits-Symbol und wurde deshalb von Brautpaaren verwendet. Auch der Brautstrauß enthielt oft Myrte. Ob die Position der Myrtenzweige hier eine besondere Bedeutung hat, kann ich leider nicht sagen.

Der Brautanzug besteht aus zwei Teilen, wovon der Rockteil hier mit Schnitt angegeben wurde. Für das Oberteil ist vermutlich eine klassische Taille zu fertigen, die wie in der Beschreibung genannt, mit Spitze und Borten geschmückt ist. Der Rockteil besteht aus einem damals üblichen nahtlosen (bzw. ausschließlich mit rückwärtiger Naht gefertigten) Schnitt-Teil. Wie aus der Zeichnung ersichtlich, handelt es sich am vorderen Rand um einen Stoffbruch und verläuft bogenhaft nach hinten. Auf der Rückseite sind offenbar Biesen oder sehr schmale Abnäher eingezeichnet, um eine leichte Raffung zu erzielen und die Passform zu verbessern.

Die Schnittzeichnung ist sehr schematisch und vermutlich braucht es ein paar Versuche, bis es richtig klappt, insbesondere der rückwärtige Bogen, um die entsprechende Form zu erzielen. Der Abnäher seitlich vorne sollte für die Passform an die eigenen Maße angepasst werden. Bei stärkeren Hüfte-Taille-Unterschieden können auch zwei Abnäher verwendet werden. Im Schnitt eingezeichnet ist der vordere Einsatz, demnach ist der eigentliche Rockteil vorne spitz eingeschnitten.

Hier kommt nun die ausführliche Beschreibung aus der Wiener Illustrierte Frauen-Zeitung:

Brautanzug

S. Abb. 4 u. 11.
Erf.: 18 m elfenbeinweißer Atlas; 10 m Stickerei; 60 cm Spitzenstoff.

Der Schlepprock zu diesem Anzug, welchen wir mit Abb. 4 und 11 in Schnitt und Rückansicht vorführen, ist auf der untertretenden Vorderbahn, die wir durch Schraffur auf unserer kleinen Schnittzeichnung kenntlich machen, in halber Höhe mit einem rundgeschnittenen Fächerteil vom Kleidstoff besetzt, welcher zwischen dem spitzen Ausschnitt des eigentlichen Rockes sichtbar wird. Dieser selbst, im Rundschnitt gehalten und am hinteren Rande stark geschweift, wird auf Seidenfutter und über einer Mulleinlage gearbeitet, außerdem befindet sich eine 25 cm hohe, nicht zu steife Gazeeinlage im Saume, die sich in der ganzen Schleppe ausbreitet. Die unten bedeutend breiter werdende Vorderbahn wird dem Rock so untergenäht, daß seine Ränder lose aufliegen. Ein aus Chiffon mit weißer Seide gestickter Besatzstreif, an den Kanten unter Stoffblende befestigt, umgiebt die Ränder des Rockes und wiederholt sich als Querbesatz auf der Brust und den oberen Teilen der Ärmel.

Das Leibchen, welches im Rücken schließt, ist in seiner oberen Hälfte mit einem krausgezogenen Kollerteil von Spitzenstoff garniert, den 2 breite Blenden und die schon erwähnte Stickerei abschließen. Ein dichtgezogener Volant von doppeltem Seidentüll, dem in Mitte ein Myrtensträußchen eingefügt ist, schmückt das Leibchen vorn, ein weiterer Myrtenzweig ist oben auf dem linken Ärmel angebracht.

Der hohe Stehkragen schließt im Nacken, er ist mit Rüsche von Spitzen oder Tüll zu garnieren. Schleier als Krönchen aufgesteckt; Kranz mit hohem Diadem.

In jedem Fall ist ein so genähtes Brautkleid ein absolutes Unikat und kann durchaus auch in einer modernen Abwandlung getragen werden. Natürlich eignet sich der gleiche Schnitt auch in farbiger Variante als Ball- oder Abendkleid.

Regina Gschladt

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